Eine Woche Clubhouse im Blindflug

Clubhouse ist eine raumbasierte soziale Audioplattform aus den USA in Zeiten von Corona und sozial Distancing, die seit kurzem auch in Deutschland in aller Munde ist. Ein bisschen wie Twitter, mit einem Hauch TeamSpeak, angedockt an Instagram und nochmal – Twitter, noch begrenzt auf das iPhone und nur auf Einladung zu nutzen, bahnt sich diese Plattform ihren Weg in die Herzen der User. Verflucht von Datenschützern und geliebt von den Nutzern, die dieser Tage mehr zuhause hocken müssen und die Abende in gefüllten Clubs und Bars sehnen. Und „Wetten das?“ sich die Prominenz dann auch mal so zum netten Talk in viel zu großen Räumen einfindet. Noch geht der Hype und die Säle füllen sich.

Inklusiv für die einen und nahezu unerreichbar für die anderen. Wo sich Blindfische im Teich der Sehlinge doch recht wohlfühlen, bleiben Taube und Tauberich dann doch lieber auf dem Dach sitzen.

Doch eines ist gewiss, Clubhouse bringt Menschen zueinander, dass haben die Menschen gezeigt. Also ein Stück Inklusion? Vielleicht! Inklusion setzt den Willen und die Bereitschaft zu Akzeptanz von Diversität voraus und wenn eine Gruppe, die so laut nach Inklusion schreit, sich selbst untereinander uneins ist und sich zum Blindfisch erster und zweiter Wahl klassifiziert, befördert Clubhouse genau das, was Menschen seit je her tun. Sie bilden Gruppen und grenzen sich gegenseitig aus.

Meine Woche auf Clubhouse war eine intensive Impression. Ich habe viele Menschen kennengelernt. Sehr viele neue Menschen und einige Menschen, die ich über serielle Sprachkommunikation in WhatsApp-Gruppen bereits kannte. Aber auch Menschen die interessiert und motiviert den Kontakt suchten und jedem dem Zugang zu Clubhouse ermöglichen wollten und mit ihren kreativen Wirken innerhalb kürzester Zeit einen Raum geschaffen haben, in dem auch jene Menschen den Sprung geschafft haben, die mit dem Eierphonographen ehr auf Kriegsfuß sind als genüßlich das Friedenspfeifchen mit dem angebissenen Apfel zu rauchen. Diese kreativen Menschen sind ein Segen für jene Menschen, die den Sprung in die Bedienung der App nicht geschafft hätten und fallen dennoch dem Spott derer Blinden anheim, die die Bedienung des iPhones quasi in die Wiege gelegt bekommen haben und sich darauf verstehen auch noch den letzten Tropfen Juice aus der eilegenden Wollmilchsau von Apple zu saugen. Wo ist hier die Akzeptanz von Diversität.

Also ein Stück Inklusion? Ein bisschen. Aber dennoch „the next big thing“ für die sehbehinderte und blinde Community im Netz. Und ja. Es war nie so einfach Kontakt zu sehenden Menschen in der Herde zu bekommen. Wobei das natürlich auch umgekehrt gilt. Wie ein Kulturschock mutete es in manchen Räumen an, wenn eine Gruppe Blindfische und Sehlinge sich im Dialog in den Eichmodus begaben.

Trotz einiger Unterschiede wie Klatschen und dem Sprechwillen per Mute-Button ist es durch aus möglich sich auf der Bühne eines Raumes im Stealth-Modus zu befinden und nicht unbedingt als blinder User aufzufallen. Spätestens wenn man einen Follower bekommt, wird die Diversität schnell klar. Clubhouse saugt als Datenkrake wie ein Magnet das gesamte Adressbuch auf deinem SmartPhone in die Cloud und stellt so sicher, dass man von Anfang an genau bei der Peer landet, wo man ohnehin zuhause ist. Es werden genau die Räume angezeigt, die die eigene Peer erstellt und besucht. Erweitert sich dann die Peer, bekommen alle neuen Verfolger einen kleinen Eindruck von der Insel auf der man sitzt.

Von Trollen bevölkert, fast wie ein Ego-Shooter, wo man beim ersten Mal zocken mit Haut und Haaren gefressen wird bis hin zur Trolljagt in feinster Mohrhuhn-Manier. Manchmal ist man sowas von influenced und manchmal erklärt die Nachbarin von nebenan im ihrem Kochclub das Geheimnis der Suppe, wehrend Abends fleißig besser als getindert wird, bevor sich die eingefleischte Truppe auf virtuelle Späti-Tour begibt oder sich gepflegt in die nächste Bar aus Bits und Bytes zurückzieht. Parallel wird abends um 23:55 Uhr noch abgehangen und am gedeckten Frühstückstisch gesessen, wehrend sich nebenan eine Gruppe von lustigen Menschen fragt, wo denn ihre Muschis geblieben seien, um nur einige Auszüge an kreativen und lustigen Gruppentiteln zu nennen. Auch das private Konzert im edelsten Kompressionssound mit Gesang, Gitarre und Klavier darf im lauschig kleinem Ründchen nicht fehlen.

Wehrend Clubhouse ganz kräftig mit dem Besen durchkehrt. Influenced es fleißig von Clubhouse zu Twitter und Instagram und zurück und die Follower-Jagd ist beim ein oder anderen eröffnet. Neben netten Follow/Unfollow Spielchen, um das Verhältnis zwischen Folgen und Verfolgen künstlich zum Grad der eigenen Beliebtheit zu beeinflussen und Stillen Räumen, die nur zur Vernetzung dienen, gibt es alles was das Herz der vom Kapitalismus geprägten Welt begehrt – bis auf die dicken Banner. Die kommen wohl erst, wenn’s schon für den Ausstieg zu spät ist.

Geh‘ auch Du zu Clubhouse, hör‘ es Dir an und sprich‘ mit. Aber nur angebissene Äpfel kommen rein. Androiden bleiben draußen – vorerst. Jedenfalls solange bis die Serverleistung den Ansturm des vermeintlichen Fußvolkes verkraften kann, denn schon jetzt hat die Plattform gelegentlich Schluckauf. Spätestens wenn Corona so langsam wegwabert, werden wohl die Server von Clubhouse ihre erste Verschnaufpause bekommen, um anschließend mit neuen Nutzern und viel Monetarisierung befüttert zu werden.

Clubhouse ist so eckig wie dieser Artikel und man kann diese neue Plattform glorifizieren und gleichzeitig gibt es viel daran rum zu kritörgeln. Zwiegespalten und dennoch erlebenswert ist der Aufenthalt auf Clubhouse jedoch allemal.

Freundlich grüßt Stephan aus dem World Wide Off.

UPDATE 2022.08: Club House war dann letztlich doch nur ein kurzer Hype. Eine intensive Impression und letztlich doch nur eine Impression. Bei mir war nach 2 Monaten Schluss. Wie lange hat es bei Dir gedauert.

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